Die Carrozzeria Ghia SpA wurde - je nach Quelle - 1915 oder 1921 von Giacinto Ghia (1887-1944) in Turin gegründet und stellte anfangs Einzelkarosserien auf Kundenwunsch her, vor allem für Alfa Romeo, Fiat, Lancia u.ä.
Richtig: Hier werfen wir einen Blick auf eine transatlantische Verbindung zwischen Detroit und Turin. Damals war es keine Story über einen US-Konzern am Gängelband eines italienischen Volumenherstellers, in dieser Geschichte geht es genau anders herum.
Auslöser der zu schildernden Ereignisse war die Bitte des Fiat-Managements an Chrysler, bei Wiederaufbau und Modernisierung des Konzerns nach den Wirren des 2. Weltkriegs behilflich zu sein und auch italienischen Technikern die äusserst erfolgreichen (!) US-Massenproduktionsmethoden näher zu bringen.
Chrysler half und so kam es, dass Kaderleute von Chrysler regelmässig in Italien anzutreffen waren, unter ihnen auch der Chef des Studio for Advanced Styling, ein gewisser Virgil M. Exner, Sr.
Ueber Fiat machte Exner auch Bekanntschaft mit Pinin Farina (erst seit 1960 zusammen geschrieben) und vor allem mit den Herren Mario Felice Boano, Luigi Segre und Giovanni Savonuzzi. Erstere waren die Inhaber der Carrozeria Ghia und Savonuzzi, ein Designer von Weltruf (Cisitalia), ihr Chefzeichner.
Exner erkannte, dass sich hier die Gelegenheit ergab, zu weitaus geringeren Kosten als in den USA Kleinserien, Einzelstücke und Show cars bauen zulassen: $ 125'000 pro Stück standen dort einer Offerte von Ghia zwischen $ 10'000 und 20'000 gegenüber. Dazu waren die italienischen Fachleute bekannt als Virtuosen in der Verarbeitung schnöder Blechteile zu kunstvoll geformten Karosserien. Und dann das Design (an dem Exner durchaus auch beteiligt war)...
Nachteile gab es auch. Notorisch war die nachlässige Verarbeitung, vor allem in den Bereichen Fahrzeugelektrik und Innenausstattung und in Detroit wurden Stunden darauf verwendet, die guten Stücke präsentabel zu machen. Der eine oder andere Show car soll sogar Feuer gefangen haben beim Versuch, ihn zu starten. Jedenfalls ist derlei vom Packard Predictor überliefert...
Doch die faszinierenden Chrysler-Specials verdienen eine eigene Geschichte die zu einem anderen Zeitpunkt zu erzählen sein wird.
Ein Beispiel dazu muss genügen:

Mit einem Chrysler-Ghia GS-1 wie diesem 54er kann man sogar an den Concours d'Elegance in Pebble Beach CA eingeladen werden. Der GS-1 wurde in kleinster Stückzahl gebaut und konnte in Europa nur über die Société France Motors in Paris erworben werden. (conceptcarz)
Die Zusammenarbeit währte 15 Jahre. Mir fällt kein Mopar Show car aus dieser Zeit ein, der nicht bei Ghia entstanden wäre.

1954 DeSoto Adventurer II Ghia show car (Wikipedia)
Auch die anderen Konzernmarken profitierten von dieser Kooperation. Von Interesse für die Fortsetzung unserer Geschichte ist eine Serie von vier Konzeptfahrzeugen die 1953-54 für Dodge entstand: Die Firearrow I-IV.
Das Design war abgeleitet von den Chrysler Specials, die Fahrzeuge waren aber deutlich kleiner. Obwohl Exner so etwas nie behauptet hatte, wurde er oft als Designer des Firearrow genannt. Die Umsetzung machte Luigi Segre. Die grundlegenden Linien aber zeichnete jemand anders: Der namentlich nicht mehr bekannte, 16-jährige Sohn eines Karosseriespenglers bei Ghia...
Firearrow I, II und IV waren zweisitzige Roadster.

1953 Dodge Firearrow I Ghia Show car. Ein "Mock up"; d.h. nicht fahrbar. Der zweisitzige Roadsterwar knallrot mit grauem Akzent. Stilmerkmale waren die Frontscheibe ohne Rahmen, rundum laufender Chromstreifen, Doppelscheinwerfer und seitlich aus dem hinteren Kotflügel ragende Auspuffattrappen. (jealopycars / H.A.M.B.)

Der Firearrow II von 1954 war stark an den ersten Firearrow angelehnt. Das Auto
war fahrbar wenn auch nicht alltagstauglich ohne Verdeck, Scheibenwischer oder Türgriffe. Angetrieben von einem Dodge Hemi V8 mit 241 ci (3953 ccm), hatte er einfache Scheinwerfer und Speichenräder. Er war blassgelb lackiert. (jealopycars / H.A.M.B.)
Firearrow III (gelegentlich auch "Firebomb" genannt) war als "Sports Coupé" ausgelegt. Das Design des hellblau metallic lackierten Autos war ebenfalls eine Weiterentwicklung.
Und er war ebenfalls fahrbar. Sein stark getunter 241 ci Red Ram HEMI V-8 leistete 245 HP - und wurde mit der Pilotin und Rennfahrerin Betty Skelton am Steuer auf der Chrysler Teststrecke mit 143.44 mph (230.844 km/h) gemessen! Das war ein Weltrekord in der Kategorie Damen / Rundstrecke.

Der Firearrow III, ebenfalls 1954 vorgestellt, ist das einzige Coupé der Reihe - und ein Weltrekordwagen. RM Auctions versteigerte das voll restaurierte Auto im Januar 2009 in Phoenix AZ für die runde Summe von $ 800'000. Ein Schnäppchen bei einem Schätzpreis von 1 bis 1,5 Mio $... (jealopycars / H.A.M.B. / RM Auctions)


Auch der Firearrow IV entstand 1954, nun wieder als Roadster. Das rot lackierte Auto ist im wesentlichen die offene Version des Firearrow III. Dieser letzte Firearrow war praxisnah. Er hatte, anders als der andere fahrbare Roadster, Firearrow II, ein Verdeck, Türgriffe und Scheibenwischer. Die Bilder zeigen wie zierlich das Auto - verglichen mit den Strassenkreuzern dieser Zeit - eigentlich ist. Auffällig ist das Schachbrettmuster der Innenausstattung. (jealopycars / H.A.M.B.)
Drei der vier Firearrow sind erhalten geblieben.
Bis hierher ist dies die Geschichte einer Serie hervorragend gestylter Prototypen. Wirklich ungewöhnlich wurde sie danach: Ein erfolgreicher US-Geschäftsmann interessierte sich nämlich für den Fire Arrow und sein Konzept. Und Chrysler verkaufte ihm die Rechte...